Nabada

Nabada mit Blick auf Ulm, am Ulmer Volksfest, Schwörmontag

Nabada mit Blick auf Ulm, am Ulmer Volksfest, Schwörmontag

Im Nabada mit Blick auf Ulm, am Ulmer Passend zum jährlichen Schwörmontag, dem vorletzten Montag im Juli, zeigt das Kalenderbild die festfreudige Donau mit dem un(be)schreibbaren „Nabada“ als karnevalistischem Wasserfestzug. Im Vordergrund, am Neu-Ulmer Ufer,  sind „Themenschiffe“ genannte Zillengefüge mit rosenmontagszugähnlichen Aufbauten zu sehen, dahinter füllen „wilde Nabader“ die Wasserfläche. Das Getümmel wird von zahllosen Zuschauern begutachtet.

Jedoch war die Donau beim „Hinabschwimmen“, wie man „Nabada“ übersetzen müsste, nicht immer so überfüllt. Das erste offizielle Programm eines „Schwörmontags-Na-Bada“ führt nur acht Wasserfestzugsnummern auf. Demnach trieben am Schörmontag, 8. August 1927 ab 17 Uhr zuerst Mitglieder des Ruderclubs „Donau“ flussabwärts, gefolgt vom Wassergott Danubius mit Iller, Blau und Nixen. Es trat auch eine „Ulmer Hafen-Marine-Kapelle“ auf, und pantomimisch dargestellt war die „Brautwerbung auf der Donaubrücke“, wobei wohl die beiden Donaunachbarstädte wie einst die beiden Königskinder „zusammen nicht kommen“ konnten, eine humoristische Spitze gegen immer wieder auftauchende Vereinigungsbestrebungen.

Politisch schon direkter war das Nabada 1938. Kurz nach dem Anschluss Österreichs als Ostmark an Hitlers Reich nahmen auf einem Schiff bejubelte „Wiener Waschmadeln“ am Umzug teil. Kaum zu glauben, dass das Ulmer Nabada sogar einen Protest der damaligen abessinischen Gesandtschaft in Berlin hervorgerufen haben soll im Jahre 1935. Dies, weil auf der Donau in Höhe des Schwals eine „Seeschlacht“ entbrannte, bei der laut gleichgeschalteter Lokalpresse die Vertreter der „weißen Rasse“ natürlich über die „Wilden“ siegten. Unter „Wilde“ waren damals Nichtarische wie eben Abessinier, Neger und Indianer zu verstehen, in welche sich Nabader verkleidet hatten. Kurz vor dem dann tatsächlich erfolgten Einmarsch des faschistischen Italiens in Abessinien war dieser ideologische Programmpunkt des Nabada nicht nur aktuell, sondern sogar brisant!

Die als Vorläufer des Nabada zu bezeichnenden Wasserbelustigungen waren dagegen weitaus weniger politisch. Seit mindestens 1678 ist der Brauch des „Bäuerlein-Herunterfahrens“ auf der Donau überliefert, der sich im Laufe des 18. Jahrhunderts mit dem reichsstädtischen Schwörtag verband. Mit Klamauk und Gespritze fuhren hierbei die Hauptfiguren des Fischerstechens wie „Bauer und Bäure“ auf Zillen die Donau hinunter; so machten es auch vor den Sommerferien die Ulmer Lateinschüler des Gymnasiums auf dem Münsterplatz. Als statt des Steinhäules die Friedrichsau zum beliebten Erholungsort avanciert war, entstanden die von den „Au-Gesellschaften“ veranstalteten „Wasserfahrten“ donauabwärts zu den Vereinslokalen. Diese hatten zunächst aber nichts mit dem Schwörmontag zu tun, sondern wurden den ganzen Sommer über ausflugsmäßig gefeiert. Bis dann ab 1861 die „Hundskomödie“, älteste Augesellschaft und Sammelbecken Ulmer Honoratioren, ihre Fahrten mit dem Schwörmontagsbrauchtum verband. Dann organisierten spätestens ab 1911 die Schwimmer der Ulmer Turnvereine „lustige Hinunterschwimmen auf der Donau“; schließlich ging das ganze, als Nabada kreiert, in die planenden Hände des nachkriegszeitlichen städtischen Verkehrsamtes mit infrastruktureller Unterstützung des Hauptamtes der Stadt Ulm über.

Seit 1975 gibt es für den vom Publikum gekürten besten Beitrag sogar einen Wanderpokal, der inzwischen als „Kübele“ designt ist. Doch leider sieht man heutzutage vor lauter Ferieninseln, Autoreifen und Luftmatratzen kaum noch diese uranfänglichen Nabada-Fahrzeuge, in denen sich einst sogar Oberbürgermeister Dr. Lorenser auf die Donau begab – eben jene Kübele, also Waschzuber für schwäbische Sauberkeit auch beim Nabada…

 

Text: Uwe Heinloth

Donau, Adlerbastei

Adlerbastion und Donau in Ulm

Adlerbastion und Donau in Ulm

Wie ein roter Keil schiebt sich von rechts eine Befestigungsmauer in die Donau, durch den Turm der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche überragt. Diese Befestigungsanlage wird in Ulm zwar umgangssprachlich nach einem mit Ende der Reichsstadt abgeschlagenen Reichsadlersteinrelief, das in sanierten Resten noch immer die Mauerspitze schmückt, „Adlerbastei“ genannt; jedoch handelt es sich beim abgebildeten Werk in festungstechnisch korrekter Bezeichnung aber um eine mehreckige Bastion (im Gegensatz zur „runden“ Bastei). Gegenüber der Bastionsspitze erkennt man, von Bäumen umrahmt, auf dem flussabwärts gelegenen Ende des „Schwals“, der Neu-Ulmer Donauinsel, das helle Gefallenenehrenmal von Edwin Scharff aus dem Jahre 1932. Von dieser Inselspitze legten über Jahrhunderte die „Ulmer Schachteln“ ab, Güter, Reisende und Auswanderer (Donauschwaben) flussabwärts transportierend. Jedoch bietet die abgebildete Stelle an der Donau noch mehr „Denkmal-Würdiges“.

Scheiterte doch an der Adlerbastion eine flugtechnische Pioniertat, als Albrecht Ludwig Berblinger, der einst verlachte, inzwischen längst als Gleitflieger rehabilitierte „Schneider von Ulm“, am 31. Mai 1811 von der Bastionsspitze aus in die Donau stürzte. Zwar hatte er sein von ihm entwickeltes Fluggerät erfolgreich am Abhang wohl des Michelsberges getestet; über der Donau traf er jedoch eine ganz andere, von ihm nicht berechenbare Thermik an. Statt warmer Aufwinde, die ihn an das bayerische Donauufer hinüber tragen sollten, herrschten hier kalte Fallwinde und mauerbedingte Turbulenzen, die ihn mit seinem halbstarren Hängegleiter in die Donau hinunter drückten. Es folgte nach dem fliegerischen noch der soziale Absturz.

Doch schon zweihundert Jahre zuvor ereignete sich hier ein Absturz, genauer ein Einsturz. Der reichsstädtische Rat hatte beschlossen, Ulm nach der verbesserten italienischen Bastionärbefestigungsweise neu zu bewehren; diese den Geschützen angepasste Festungsmanier sah fünfeckig konzipierte Werke mit über die Längsmauern hinausragenden Seiten und Spitzen vor – die Bastionen. Es waren gewaltige Erdaufschüttungen, mit schräg anlaufendem Mauerwerk zur Feindseite hin gesichert.

Die Wahl des neuen Festungsbaumeisters fiel dann 1604 auf den Ulmer Baumeister Gideon Bacher (1565-1619), der aus den Diensten des Markgrafen Georg Friedrich von Brandenburg-Ansbach zurück nach Ulm berufen wurde. Nach einer „Weiterbildungsreise“ durch moderne europäische Festungsanlagen begann Bacher 1605 mit dem Bau seiner ersten Ulmer Bastion, der Adler-oder Spitalbastion, an der damals schwächsten Stelle der Stadtbefestigung, beim Heiliggeistspital direkt an der Donau. Schon kurz nach deren Vollendung 1608 stürzte diese jedoch, ganz ohne Feindeinwirkung, zusammen. Bei folgenden Reparaturen ergaben sich zusätzlich Differenzen mit dem Bauherrn; vom Stadtrat wurde Bacher schließlich 1615 als Festungsbaumeister endgültig entlassen.

Heute kann man auf der Adlerbastion aber, ungerührt von solchen historischen Ab-und Einstürzen, sicher lustwandeln…

Text: Uwe Heinloth.

Bundesfestung Ulm, Kienlesbergbastion, Werk X im Winter

Kienlesbergbastion, Werk X im Winter

Kienlesbergbastion, Werk X im Winter

Ein stimmungsvolles Winterbild zeigt der Monat Januar, den Gruß an alle Vorbeifahrenden, die die Stadt erreichen oder verlassen. Erbaut 1843 bis 1852 durch den königlich-württembergischen Oberleutnant von Hügel, präsentiert die schneebedeckte Kienlesbergbastion ihre signifikante Doppelcaponniere. Hierunter ist festungsbautechnisch zu verstehen ein zur Frontal- und Seitenbeschießung des Festungsgrabens, also zur „Bestreichung“ mit Feuer, angelegtes Verteidigungswerk. Dieses tritt zur Abwehr der über den Graben potentiell einfallenden Feinde aus der Mauerlinie dieser Festung heraus in das davorliegende, hier trockene Sturmhindernis als „Grabenstreiche“.

An der abgebildeten Südwestecke der Kienlesbergbastion, die heute noch vollständig erhalten zwischen der Bundesstraße 10 im Lehrer Tal und der Straße „Beim Alten Fritz“ liegt, war eine doppelte Grabenstreiche notwendig. Musste doch von hier aus sowohl der zur Wilhelmsburg (nach links im Bild) hinaufführende, als auch der (rechts im Bild) nach hinten zum Kienlesberg ziehende, heute als Abfahrt von der Wallstraßenbrücke zum Michels- oder Eselsberg dienende Graben unter Feuer genommen werden können.

Hier, auf der rechten Seite der Doppelcaponniere, war bis zum straßenbaubedingten Abbruch einst noch ein schützendes Vorwerk, die „Contregarde“, vorgelagert. Von ihr sind noch Reste des „Ruhetaltores“ auf dem Bild rechts der Grabenstreiche erkennbar.

Das mehrgeschossige „Werk X“ der Bundesfestung Ulm, die abgebildete Doppelcaponniere der Kienlesbergbastion, besitzt nicht nur im Inneren großartige, gegen Beschuss gewölbte Festungsräume (Kasematten), sondern zeigt auch von außen mit ihren schön geschichteten Kalkquaderfronten, in denen von flachen Ziegelsteinbögen überspannte Schießscharten sitzen, sowie mit dem unter den Erdbedachungen umlaufenden Konsolfries ein beeindruckendes Bild der Architektur und Festungsingenieurkunst der sogenannten „Neuen deutschen Befestigung“, die klassizistische und romantische Baumotive zeigte. Nicht nur im Winter eine für die einstige Bundesfestungsstadt Ulm typische, historische Reminiszenz an automobile Vorbeireisende…

Text: Uwe Heinloth

Ulmer Weihnachtsmarkt

Ulmer Weihnachtsmarkt mit Weihnachtsbaum und Marktbesuchern in den Marktgassen

Ulmer Weihnachtsmarkt mit Weihnachtsbaum und Marktbesuchern in den Marktgassen

Erneut beschließt der Kalender das Jahr mit einem lichterglänzenden, friedlichen Monatsbild des traditionellen Ulmer Weihnachtsmarktes auf dem Münsterplatz, „zu Füßen des höchsten Kirchturmes der Welt“. Doch so harmonisch die geschmückten Giebelchen der Weihnachtsmarktholzhäuschen auch zu den sie überragenden Giebeln der Geschäftshäuser, im Umriss ebenfalls festlich beleuchtet, passen – so wenig friedlich war der „Wiederaufbau“ der Innenstadt nach dem zerstörerischen Bombenangriff vom 17. Dezember, dem dritten Adventssonntag 1944. Auch hier am gänzlich zerstörten Westlichen Münsterplatz, den das Bild zeigt, wurde nach 1945 mit heftiger Polemik um Tradition und Moderne gerungen.

Um 1900 ersetzten höhere, neue Geschäftshäuser, durchwegs mit Giebeln zum Platz, ältere Giebel- und auch Traufhäuser am Westlichen Münsterplatz; diese in „Neoarchitektur“-Formen erbauten Gebäude wurden sämtlich bombenzerstört. Der „Wieder“-, besser „Neu“-Aufbau der Innenstadt an dieser heiklen Stelle gegenüber dem Münster sah zunächst in der Regel Flachdachbebauung vor. Sogar eine direkte, schnurgerade Straßenverbindung vom Hauptbahnhofbereich zum Münsterhauptportal, Bahnhof- und Hirschstraße vertretend, war geplant. Als am 27. März 1947 Max Guther in Ulm Stadtbaurat wurde, setzte mit der Zeit eine sehr starke Polarisierung ein zwischen den beiden Interessengruppierungen des „Vereins Alt-Ulm“ und der „Gesellschaft 1950“. Zu „Alt-Ulm“ gehörten so klangvolle Namen wie Otto Wiegandt, Max Feuchtinger, Albrecht Rieber oder Hellmut Pflüger; in der „Gesellschaft 1950“ waren Persönlichkeiten wie Wilhelm Geyer, Otto Aicher, Kurt Fried oder Inge Scholl vertreten. Hauptstreitpunkte waren die von Guther favorisierten Traufhäuser mit 30-Grad-Dachneigung bzw. Flachdachbauten wie die einstige Sparkasse an der Neuen Straße. Demgegenüber forderte „Alt-Ulm“ eine altstadtgemäßere Giebelhausbebauung mit 60-Grad-Dachwinkel, welche wiederum von der „Gesellschaft 1950“ als zu rückschrittlich eingestuft wurde. Max Guther trat schließlich zurück und eine neue Stelle an der TU Darmstadt an. Moderne Architektur entstand dem gegenüber während der Münsterplatzdiskussionen durch Max Bill und Fred Hochstrasser auf dem Oberen Kuhberg als hfg (Hochschule für Gestaltung) mit betonsichtigen Flachdachbauten.Im Mai 1953 wurde dann endlich, unter maßgeblicher Mitwirkung des „Vereins Alt-Ulm“, ein Rahmenplan für die Münsterplatzrandbebauung beschlossen; vier Giebelhäuser sollten mit verbindenden, niedrigeren Traufbauten errichtet
werden am Westlichen Münsterplatz. Obwohl jener Plan im Juni 1953 zur Grundlage des Aufbaues wurde, zog sich dieser bis 1957 hin. Aus den verbindenden Traufhäusern wurden dann doch noch „modernere“ Flachdachbauten mit Dachterrassen. Der Ulmer Volksmund spottete über diese Kompromissarchitektur: „Gebiss mit Zahnlücken“.Doch daran mag heutzutage kaum noch ein Besucher des Weihnachtsmarktes denken. Statt Polemik und Streit um die „gute Form“ genießt man viel mehr die Vorweihnachtszeit und empfindet all die beleuchteten Giebel der Buden und Geschäftshäuser eher als friedlich-harmonisches Zusammenspiel…

Text: Uwe Heinloth

Fischerviertel, Gasthaus zur Forelle in herbstlicher Stimmung

Fischerviertel, Gasthaus zur Forelle in herbstlicher Stimmung

Das Fischerviertel zählte der Chronist Felix Fabri zu den einst die ruhige Kernstadt Ulms umgebenden, „mit Lärm erfüllten Vorstädte[n]“, wo nicht nur die Fischer der „Wassertiere“, sondern auch die „Fischerinnen einfältiger Männer“ hausen. Die dortigen „Wohnsitze der Fischer“ waren damals von den Genossen der siebten Ulmer Zunft besiedelt, zu welcher Fabri neben den eigentlichen Fischern auch die „Führer von Flößen und Schiffen“ sowie die „Garnsieder“ rechnete. Die das Gewerbeviertel in zwei Armen durchströmende Blau war zu Fabris Zeiten trotz aller Verschmutzungen offenbar noch „reich an vorzüglichsten Fischen, an Forellen, Grundeln und anderen“. Folgerichtig zeigt das herbstlich-neblige Kalenderbild für Oktober das alte, immer noch betriebene Gasthaus „Zur Forelle“, prächtig mit Kürbissen geschmückt.

Im linken Bildteil erstreckt sich unter dem beeindruckenden Naturdenkmal der alten Trauerweide die Häuslesbrücke zur Schwörhausgasse hinüber, Große und Kleine Blau überspannend. Ihre Brückenbogen gehen noch auf die Stadtmauer von 1316 zurück, welche quer über den Saumarkt zur Staufermauer am Weinhofhang verlief. Erst später wurde diese Stadtmauerbrücke zur heutigen, romantischen Backsteinstraßenbrücke erweitert.

Sie ist benannt nach dem „Häusle“, einem aus ursprünglich zwei getrennten Anwesen bestehenden Gebäude, das die rechte Bildhälfte einnimmt und wohl um 1500 errichtet wurde. Ein Wirtshaus in den schließlich zusammengefügten Häusern ist schon 1626 als Eigentum des Fischerwirts „Jacob Schwenken“ belegt, welcher bereits „ein Schild heraushängen und Leute setzen durfte“ gemäß Erlaubnis des Rates als gastronomischer Aufsichtsbehörde. Der bis heute erhaltene Gasthausname „Zur Forelle“ geht anscheinend auf Nachfolger und Wirt Johannes Kleinknecht um 1695 zurück. Davon und dass 1786 die „Forelle oder das Häuslein unter den Fischern“ „Bier und Wein ausschenken und herbergen“ durfte, berichtet Müller in seiner Ulmer Wirtsgewerbegeschichte; er schreibt auch, dass erst 1837 ein auf der „Forelle“ seit vielen Jahren liegendes Recht (wieder) entdeckt wurde, nach welchem dort Branntwein gebrannt und ausgeschenkt werden durfte.

Ob wohl ein durstiger Soldat aus Napoleons Grande Armée während der Belagerung Ulms im Oktober 1805, bei der die Österreicher nach der verlorenen Schlacht von Elchingen schließlich kapitulierten, die heute noch in der Erdgeschosswand unter dem zweiten Fenster von rechts sichtbar steckende Kanonenkugel abgeschossen hat? Dann nämlich könnte der ballistische Gast der „Forelle“ der Anfang vom Ende des habsburgisch geprägten mittelalterlichen Reiches ein Jahr später, 1806, sein, als der letzte römische Kaiser in Wien abdankte. Doch darüber liegt, wie das Bild zeigt, der Nebel des Fischerviertels…

Text: Uwe Heinloth

Neutorbrücke

Die Neutorbrücke Richtung Kienlesberg

Neutorbrücke – 1974 als Kulturdenkmal eingetragener Brückenbau wurde 1906/07 erbaut

Unter blauem Septemberhimmel glänzt der vergoldete Zierat der Neutorbrücke, alten Ulmern noch als „Gasbrücke“ wegen des einst links neben ihr liegenden städtischen Gaswerks (1857 bis 1967, heute SWU-Gebäude) bekannt. Benannt wurde die in neugotischen Formen 1906/1907 errichtete Brücke nach dem 1860 abgebrochenen Neutor, auf das die in den 1860er Jahren bei der Anlage der „Neustadt“ entstandene Neutorstraße zuführte. Die Brücke wurde zur wichtigen Verkehrsverbindung mit dem in diesen Jahren entstehenden, gartenreichen Villenviertel am Michelsberghang. Ein typisches Jugendstilhaus um 1910 ist ja auch am bergseitigen Brückenende zu erkennen. 

Die Neutorbrücke, 112 Meter lang, gut 11 Meter breit, mit einem Gewicht von 600 Tonnen, ist eine von vier neuen Brücken, welche die damalige Eisenbahnverwaltung zur Verbesserung der städtischen Verbindungswege über die Gleisanlagen errichten ließ. Insgesamt wurden zwischen 1904 und 1908 1,6 Millionen damaliger Mark aufgewendet, um die (alte, kriegszerstörte) Wallstraßenbrücke (heute Neubau), die (alte) Lupferbrücke in Söflingen beim Türmle (heute Neubau), die nach Bombentreffern wiederhergestellte Beringerbrücke über den ehemaligen Güterbahnhof und eben die abgebildete Neutorbrücke zu bauen. Allein diese verursachte Kosten in Höhe von 243.000 Mark und wurde von Reichsbahnbaurat Levi geplant. Er gestaltete optisch eine Hängebrücke mit eleganter Bogenführung, tatsächlich ist die Eisenkonstruktion aber technisch-statisch gesehen eine Krag- oder Auslegebrücke, welche auf zwei steinernen Stützen mit acht Lagern ruht. Die Spannweiten der drei Brückenteile betragen außen jeweils 28 und in der Mitte einmal 54 Meter; unter der Neutorbrücke führen nach links die Gleise zum Hauptbahnhof und in Richtung Blaubeuren, nach rechts diejenigen Richtung Aalen und bis zur Eröffnung der Neubaustrecke auch noch die Richtung Stuttgart.

erhielt nach einer Sanierung 1996 seine Ornamente wieder. Auf dem Bild sichtbar sind am Verbindungsbogen über der Straße eine goldene Krone und ein schwarz-weißes Ulmer Wappen, flankiert von filigranen Turmspitzen, die an das Münster erinnern; für 1.200 Mark wurden 775 Goldplättchen mit weichem Dachshaarpinsel aufgebracht. So erstrahlt die Brücke seither wieder in historisch-neugotischem Glanz; darin in Ulm einzigartig, wird die Neutorbrücke nach den Planungen zur neuen Straßenbahnlinie auf den Eselsberg mit einer westlich von ihr neu zu bauenden Brücke jedoch bald nicht mehr alleine sein…

Text: Uwe Heinloth

Seelgraben, Seelturm

Seelgraben mit Zundeltor und abschliessenden Seelturm

Idyllischer Seelengraben mit abschließendem Seelturm als Bestandteil der alten Ulmer Stadtmauer

Den idyllischen Seelengraben mit abschließendem Seelturm zeigt das Augustbild und demonstriert damit wieder einmal, dass die kleinen „Grabenhäuschen“ links im Bild keineswegs in einem, sondern ulmtypisch auf einem Graben stehen – nämlich oberhalb des einstigen Stadtgrabens links hinter ihnen, der heutigen unteren Heimstraße. 

Der letzte erhaltene mittelalterliche Wehrturm der nördlichen Stadtbefestigung bildet als „Seelturm“ den Abschluss des Festungswalles. Er zeichnet sich, oberhalb des erst 1897 in seiner heutigen Form durch die Stadtmauer gebrochenen „Zundeltores“ (im Bild nicht sichtbar, benannt wohl nach der einstigen Zündholzfabrik Kuhn nebenan) frei stehend, durch seinen erhaltenen, mit Zwischengeschoss als abgetreppte Turmpyramide gestalteten spätgotischen Dachstuhl aus.
Ursprünglich besaß der Seelturm zur Stadtseite hin einen großen offenen Bogen, dessen zugemauerte Ziegellagen noch heute erkennbar sind; nur die Seitenwände des Turmes und seine Feindseite bestanden aus dicken Mauerschalen. Ein solcher, typisch mittelalterlicher „Schalenturm“ verhinderte durch die Öffnung zur Stadt ein Festsetzen der Feinde im Turm, konnte man diese doch durch die Bogenöffnung unter Beschuss nehmen. Ab 1610 errichtete die Reichsstadt auf der zum Geschützwall umgebauten alten Doppelstadtmauer „Losamenter“ Unterkünfte für das erste stehende Heer Ulmer Stadtsoldaten, den „Garnisönern“. Bis 1632 entstanden so auf der nördlichen und westlichen Stadtbefestigung insgesamt 198 Wohnhäuschen, welche 1805 in der bayerischen Zeit Ulms zum Vorzugspreis von 200 Gulden meist an ihre Bewohner, die ehemaligen Stadtsoldaten, verkauft wurden – samt verbrieftem Erbbaurecht und Gärtlein vor dem Haus.Doch nicht nach den dadurch erfreuten „Seelen“ seliger Garnisöner heißen Seelturm und Seelengraben so, sondern wegen des alten reichsstädtischen Sonderkrankenhauses gegenüber des Turmes hinter den Bäumen rechts, von dem der rückwärtige Teil noch vorhanden ist und als Galerie genutzt wird.

Hier richtete die Stadt um 1400 das „Seel- oder Blatternhaus am Gries“ ein, welches zur Aufnahme der an der „Franzosenkrankheit“ (Syphilis) Erkrankten diente. Reiche Stiftungen Ulmer Bürger finanzierten den laufenden Krankenhausbetrieb, zu dem Therapie wie Resozialisierung der Gesundeten gehörte. Und genau nach den Stiftern ist eine solche Einrichtung „Seelhaus“ benannt; der mittelalterliche Glaube an gute Werke betrachtete eine Spende als „Heilmittel für die Seele“ des Stifters, die -je nach Höhe des abgeführten Betrages- eine gewisse Zeitdauer vom Fegefeuer über die zeitlichen (nicht aber die ewigen) Strafen befreit wurde.Auch ohne solch mittelalterliche Vorstellungen kann man bei einem Spaziergang über den Seelengraben mit seiner dörflichen Idylle immer noch die Seele baumeln lassen…

Text: Uwe Heinloth

Kunsthalle Weishaupt

Die Kunsthalle Weishaupt in Ulm

Die Kunsthalle Weishaupt in Ulm

Der März präsentiert einen wahrhaft glänzenden Höhepunkt der „Neuen Mitte“ Ulms, die Kunsthalle Weishaupt mit ihrer leuchtenden Westfassade zum Hans- und Sophie-Scholl-Platz. Dieter Bartetzko, Architekturkritiker der FAZ, rühmte: „Die Weishauptkunsthalle : ein Großbau, der sich der Kunst unterwirft und doch die neue Mitte nachhaltig prägt.“ 

Geplant wurde das moderne Gebäude für die Privatsammlung der Unternehmerfamilie Weishaupt als Kunsthalle von Wolfram Wöhr (* 1956), der von 1985 bis 1990 Mitarbeiter im Büro Richard Meiers (New York) war; als solcher wirkte Wöhr schon beim Bau des Ulmer Stadthauses auf dem Münsterplatz und beim Bau des Tagungszentrums „Weishaupt-Forum“ am Stammsitz der Firma Weishaupt in Schwendi mit, beides Entwürfe von Meier.Auf dem knapp 1.600 Quadratmeter großen Grundstück in der ehemaligen Neuen Straße konzipierte Wöhr ein dreigliedriges Gebäude aus verschieden geformten Kuben. Die eigentlichen Ausstellungshallen für die Exponate der Kunstsammlung Weishaupt bilden einen rechteckigen Quader im Norden des Gebäudekomplexes, mit der abgebildeten Fassade, die selbst schon ein Kunstwerk präsentiert. Südlich davon fügt sich die langgezogene Erschließungsachse der Ausstellungsräume ein als Treppenhaus rechts im Bild, während den östlichen Abschluss ein Verwaltungs- und Depotturm mit „Eiswürfelfassade“ zum Skulpturengarten hin dominiert (im Bild verdeckt).Das gläserne Erdgeschoss mit gastronomisch-gewerblicher und Eingangsfoyer-Nutzung lässt den Bau wie schwebend leicht erscheinen. Insgesamt drückt die Architektur Wöhrs mit unterschiedlichen Baumaterialien die künstlerischen Gegensätze von Öffnung (Glas) und Verschließen (Kalksteinnordfassade, vertikale Steinstreifung des südlichen Treppenhauses), von Verklammerungen (sich verzahnende Kuben) und Kontrasten (diverse Bauglieder) aus. Zum rechten Bildrand hin, wo sich gegenüber der modernen Kunsthalle das Ulmer Museum südlich der Neuen Straße erstreckt, überspannt der einst umstrittene gläserne Museumssteg die Fahrbahnen, so alte und neue Kunst sichtbar verbindend.

Grundsteinlegung der Kunsthalle Weishaupt war am 6. Juni 2005, die Eröffnung fand unter großem Andrang am 24. November 2007 statt. Der Bau mit Gesamtkosten von etwa 10 Millionen Euro weist gegenüber dem Rathaus Ulms größten „Wechselbildrahmen“ als leuchtende Einladung zum Besuch der jährlich thematisch wechselnden Exponatpräsentation auf, mit 16 mal 16 Meter Größe ein wirkungsvoller optischer Anziehungspunkt für die dahinter zu erwartende, jahrzehntelang vom Sammlerehepaar Weishaupt aufgebaute Sammlung moderner deutscher, europäischer und US-amerikanischer Kunst. Die Kunsthalle ist ein bezwingendes Beispiel für neuzeitliches, privates Mäzenatentum auf umgewidmeter Verkehrsfläche als einstiger „Narbe“ im wiederaufgebauten Stadtbild.

Text: Uwe Heinloth