Ulmer Weihnachtsmarkt mit Weihnachtsbaum und Marktbesuchern in den Marktgassen

Ulmer Weihnachtsmarkt mit Weihnachtsbaum und Marktbesuchern in den Marktgassen

Erneut beschließt der Kalender das Jahr mit einem lichterglänzenden, friedlichen Monatsbild des traditionellen Ulmer Weihnachtsmarktes auf dem Münsterplatz, „zu Füßen des höchsten Kirchturmes der Welt“. Doch so harmonisch die geschmückten Giebelchen der Weihnachtsmarktholzhäuschen auch zu den sie überragenden Giebeln der Geschäftshäuser, im Umriss ebenfalls festlich beleuchtet, passen – so wenig friedlich war der „Wiederaufbau“ der Innenstadt nach dem zerstörerischen Bombenangriff vom 17. Dezember, dem dritten Adventssonntag 1944. Auch hier am gänzlich zerstörten Westlichen Münsterplatz, den das Bild zeigt, wurde nach 1945 mit heftiger Polemik um Tradition und Moderne gerungen.

Um 1900 ersetzten höhere, neue Geschäftshäuser, durchwegs mit Giebeln zum Platz, ältere Giebel- und auch Traufhäuser am Westlichen Münsterplatz; diese in „Neoarchitektur“-Formen erbauten Gebäude wurden sämtlich bombenzerstört. Der „Wieder“-, besser „Neu“-Aufbau der Innenstadt an dieser heiklen Stelle gegenüber dem Münster sah zunächst in der Regel Flachdachbebauung vor. Sogar eine direkte, schnurgerade Straßenverbindung vom Hauptbahnhofbereich zum Münsterhauptportal, Bahnhof- und Hirschstraße vertretend, war geplant. Als am 27. März 1947 Max Guther in Ulm Stadtbaurat wurde, setzte mit der Zeit eine sehr starke Polarisierung ein zwischen den beiden Interessengruppierungen des „Vereins Alt-Ulm“ und der „Gesellschaft 1950“. Zu „Alt-Ulm“ gehörten so klangvolle Namen wie Otto Wiegandt, Max Feuchtinger, Albrecht Rieber oder Hellmut Pflüger; in der „Gesellschaft 1950“ waren Persönlichkeiten wie Wilhelm Geyer, Otto Aicher, Kurt Fried oder Inge Scholl vertreten. Hauptstreitpunkte waren die von Guther favorisierten Traufhäuser mit 30-Grad-Dachneigung bzw. Flachdachbauten wie die einstige Sparkasse an der Neuen Straße. Demgegenüber forderte „Alt-Ulm“ eine altstadtgemäßere Giebelhausbebauung mit 60-Grad-Dachwinkel, welche wiederum von der „Gesellschaft 1950“ als zu rückschrittlich eingestuft wurde. Max Guther trat schließlich zurück und eine neue Stelle an der TU Darmstadt an. Moderne Architektur entstand dem gegenüber während der Münsterplatzdiskussionen durch Max Bill und Fred Hochstrasser auf dem Oberen Kuhberg als hfg (Hochschule für Gestaltung) mit betonsichtigen Flachdachbauten.Im Mai 1953 wurde dann endlich, unter maßgeblicher Mitwirkung des „Vereins Alt-Ulm“, ein Rahmenplan für die Münsterplatzrandbebauung beschlossen; vier Giebelhäuser sollten mit verbindenden, niedrigeren Traufbauten errichtet
werden am Westlichen Münsterplatz. Obwohl jener Plan im Juni 1953 zur Grundlage des Aufbaues wurde, zog sich dieser bis 1957 hin. Aus den verbindenden Traufhäusern wurden dann doch noch „modernere“ Flachdachbauten mit Dachterrassen. Der Ulmer Volksmund spottete über diese Kompromissarchitektur: „Gebiss mit Zahnlücken“.Doch daran mag heutzutage kaum noch ein Besucher des Weihnachtsmarktes denken. Statt Polemik und Streit um die „gute Form“ genießt man viel mehr die Vorweihnachtszeit und empfindet all die beleuchteten Giebel der Buden und Geschäftshäuser eher als friedlich-harmonisches Zusammenspiel…

Text: Uwe Heinloth

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