Wasserturm im Glacis

Mit 36 Metern Eigenhöhe das Wahrzeichen Neu-Ulms, der Wasserturm im Kollmannspark beim Glacis.

Wasserturm im Neu-Ulmer Glacis-Park im Herbst

Schon längere Zeit hatten sich die Stadtväter der aufstrebenden bayerischen Nachbarstadt um eine zentrale, gesicherte Versorgung der Stadtbewohner mit reinem Wasser gekümmert, damit endlich die üblichen, hauseigenen Pumpbrunnen ersetzt werden könnten. Die Suche nach ergiebigen Quellen blieb jedoch erfolglos, es musste auf das Grundwasser zurückgegriffen werden; solches fand sich in geeigneter Qualität noch innerhalb der einstigen Bundesfestungsumwallung in der südwestlichen Ecke der damaligen Stadt.

Als Fundament des hier, neben dem einzurichtenden Pumpwerk, erbauten Wasserturmes konnte das militärisch nicht mehr benötigte Kriegspulvermagazin II, 1850-1853 zur Lagerung von 1.200 Zentnern Pulver angelegt, genutzt werden. Auf diesem heute als Ausstellungsraum zur Bundesfestung dienenden Festungswerk begann im Oktober 1898 Stadtbaumeister Karl Walder den von ihm geplanten Wasserturm zu errichten. Am 1. April 1899 war der Wasserhochbehälter fertiggestellt; von ihm aus floss seit 24. Oktober 1900 durch das physikalische Prinzip der verbundenen Röhren das Wasser in die ca. 470 Neu-Ulmer Häuser, rund 8.700 Bewohner der Stadt erreichend. Der Wasserturm gehörte zu einer Reihe zeitgleicher Infrastrukturmaßnahmen des Neu-Ulmer Urbanisierungsprozesses; seit 1900 beleuchteten beispielsweise auch 15 Bogenlampen und 71 Glühlichter hell die Straßen.

Walder baute in modernster Technik sein Reservoir für 350 Kubikmeter Trinkwasser, nämlich nach dem „Intze“-Prinzip. Dieses hatte der Bauingenieur Otto Intze (1843-1904) entwickelt; hierbei wurde auf einen schlanken, Material- und Baukosten sparenden Turmschaft ein breiterer, auskragender Turmkopf gesetzt. In ihm war der Wasserbehälter aus Stahl eingebaut und mit nach oben gewölbtem Boden bei gleichzeitig abgeschrägtem unteren Rand so geformt, dass seine Last stabil auf den Turmschaftmauern aufsitzen konnte. Nach dieser revolutionären Bauweise wurden weltweit etwa 500 Wasser- und Gastürme errichtet.

Allerdings zeigt sich seit 1953 der ursprünglich nur grau bemalte Turm in freundlicherer, zu seinem neubarocken Outfit samt „wilhelminischer Pickelhaube“ als Bedachung besser passenden rosa Farbton mit weißer Hervorhebung der Bauzier. Übrigens ist der Turm im Neu-Ulmer Stadtwappen nicht unser Wasserturm; der im 1857 verliehenen Wappen stehende silberne Zinnenturm ist ein fiktiver Festungstorturm, Symbol für die Bundesfestung.

 

Jugendstilfassade am Olgaplatz

Jugendstilfassade am Olgaplatz

Jugendstilfassade am Olgaplatz

Jugendstilfassade am Olgaplatz

Ein schönes, wenigstens in den Fassaden gut erhaltenes Ulmer Jugendstilgebäude zeigt der Monat April. Das Haus steht am Olgaplatz mit Fassaden auch zur Frauen- und Heimstraße; eröffnet wurde der Bau am 3. September 1905 als neue Ulmer Gewerbebank, welche dieses Jahr 150 Jahre alt wird (heute Volksbank Ulm-Biberach).

Das am 5. September 1863 durch siebzig Ulmer Bürger nach den genossenschaftlichen Prinzipien von Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883) gegründete Kreditinstitut, Zeichen des gewerblich-industriellen Aufschwunges der damaligen Stadt durch Betriebe wie Magirus, Eberhardt, Mayser oder den Eisenbahnausbau, erwarb 1903 einen Bauplatz an der „verlängerten Frauenstraße“, direkt neben der dort 1901 eröffneten Reichsbank. Veranlasst zum Neubau wurde die Gewerbebank durch florierende Einlagen mit wachsenden Effekten- und Depositengeschäften. Kurz darauf folgte eine Grundstückserweiterung nach Süden zur Heimstraße, was den Ulmern eine technische Sensation bescherte: es wurde nämlich die darauf stehende Jacksche Villa als gesamtes Gebäude 50 Meter und fassadengedreht auf ihren neuen Standort in der Heimstraße verschoben.

Danach konnte endlich der repräsentative Bankneubau in Auftrag gegeben werden. Die hierfür ausgewählte „Architecten-Societät“ war das Stuttgarter Büro von Carl Weigle (1849-1932) und Ludwig Eisenlohr senior (1851-1931). Beide Architekten hatten hervorragende Referenzen vorzuweisen; später durfte das Büro Weigle (mit Partner Oscar Pfennig, 1880-1963) noch das neue Kaufhaus „Müller & Compagnie“ (heute Wöhrl-Plaza) in der Hirschstraße errichten und am Bau der „Neuen Donaubrücke“ (an der Stelle der jetzigen nachkriegszeitlichen Gänstorbrücke)
mitwirken. Weigle war berühmt geworden durch seinen Bau des heutigen Schiller-Nationalmuseums in Marbach am Neckar (1901-1903), Eisenlohr durch seine Entwürfe für den Berliner Reichstag oder das Leipziger Reichsgericht; sie entwarfen für die Ulmer Gewerbebank ein vornehmes Haus mit modernster Technik (Dampfheizung) in Jugendstilformen, die zeitüblich mit barocken und vor allem romanischen Motiven spielen.

Die Fassaden der Gewerbebank, auch wenn sie durch spätere Umbauten einzelne Motive verloren (wie die Figur von Schulze-Delitzsch über dem ehemaligen, jetzt geschlossenen Haupteingang), gehören immer noch zum Besten des Ulmer Jugendstils. Das Erdgeschoss ruht auf hellen, wuchtigen Buckelquadern, an die Stauferzeit erinnernd; am Nebeneingang zum Olgaplatz tummelt sich ein steinerner Salamander samt Fisch als Regenrinnenkopf. Über dem Nebeneingang in der Heimstraße hält eine steinerne Nachtwächterfigur Ausschau nach Unberechtigten, die nachts über
diesen Eingang den Tresorraum der Bank hätten erreichen können. Der abgebildete halbrunde Turm an der Südwesthausecke prunkt mit romanisierenden Würfelkapitellen, darüber erhebt sich ein barocker Wellrandgiebel zur Frauenstraße, auf dem (ähnlich dem Ulmer Kornhaus) Zierkugeln sitzen. Das ganze Haus wird gekrönt von einem kupfernen Dachturm, ebenfalls barock anmutend. Kunststeinelemente gliedern lebhaft die in Rauputz gefassten Fassaden. An diesem Gebäude ist die Symbiose verschiedener Architekturstile und die Kooperation diverser Handwerkstechniken (Steinmetz- und Kupferarbeiten, Schreiner- und Eisenschmiedewerke) ideal verwirklicht.

Text: Uwe Heinloth

Ulmer Friedrichsau, Hotel Lago am Unteren Ausee

Unterer Ausee in der Ulmer Friedrichsau

Im Wasser des Unteren Ausees spiegelt sich die 24 Meter hohe Fassade des nach dem See benannten Hotels „Lago“ mit ihren sechs Obergeschossen. Rechts dahinter liegen die Messehallen und daneben das schon vor dem Hotel bestehende, heute integrierte Restaurant „Lago“. Die „untere“ Au bis zum „Hohen Steg“ wurde als Erweiterung mit der neuen Donauhalle und dem durch Kiesabbau entstandenen unteren See im Mai 1956 dem Erholungspark Friedrichsau zugeschlagen.

Nicht nur städtebaulich, sondern ganz besonders wegen seines Innendesigns bildet das am 18. Januar 2010 eröffnete Nichtraucher-Vier-Sterne-Hotel mit 120 Betten in 60 Zimmern einen Höhepunkt in der Au und dem Ulmer Messegelände. Verkleidet mit gerillten Wetterschutzplatten in Holzoptik, bietet die Fassade Bezugspunkte zum alten Baumbestand der Friedrichsau, welcher wiederum von innen durch die bodentiefen Fenster in Transparenz bestaunt werden kann. Im Inneren des Kubus werden die unteren fünf Etagen mit je zwölf Zimmern, sowie das oberste sechste Geschoss als Wellnessbereich und Hotelsuiten, von ausgeklügelter ökologischer Gebäudetechnik beherrscht, wie zum Beispiel thermischer Nutzung des in der Au anstehenden Grundwassers samt dessen Rückführung in den natürlichen Kreislauf.
Das Besondere aber ist die vom Bauherren entwickelte „Ulmer Seele“ des Hotels. Sie drückt sich als gestalterisches Prinzip schon von außen durch Etagenschichtung und Flachdach, im Inneren baustrukturell durch analog-rationale Anlage der einzelnen Obergeschosse aus. Deutlich verweist die Hotelarchitektur auf das Erbe der ehemaligen, 1968 geschlossenen Ulmer Designerschule am Oberen Kuhberg – der hfg, Hochschule für Gestaltung.
Die vier unteren Hotelebenen sind in ihrem Design den zu den olympischen Sommerspielen 1972 in München entwickelten „Regenbogenfarben“ Otl Aichers verpflichtet; dessen Sohn wirkte an der Hotelausgestaltung mit. Der Flur einer jeden Etage ist in jeweils einer dieser Farben gehalten, die sich dann auch motivisch in den Hotelzimmern findet. Großflächige Wandtapeten im Aufzugsbereich erzählen bildhaft von der Geschichte der hfg; bis hin zu den Türklinken und den typischen „Ulmer Hockern“ sind in den Hotelräumen Produkte ehemaliger hfg-Designer wie Bill, Gugelot, Zeischegg oder eben Aicher verwendet worden. Das fünfte Obergeschoss geriet, in Grau-Weiß-Kontrast gehalten, schon beinahe zu einem Museum; im Flur ausgestellte Gegenstände der ehemaligen Fachbereiche der hfg, zum Teil von damaligen Dozenten oder Studenten geschenkt, evozieren das anregende Klima der 50er und 60er Jahre in Schule und Stadt, unterstreichen die heute noch fast alltägliche Bedeutung der hfg in designten Gebrauchsgegenständen, ein Aha-Erlebnis für die überraschten Hotelgäste.

Mit ca. sechs Millionen Euro entstand so am Unteren Ausee aus zunächst gar nicht eingeplantem Idealismus des Bauherrn im bezwingenden Design einer Ulmer Innenarchitektin ein erlebbares Monument derjenigen Zeit, als durch die hfg Ulm weltweit zu den führenden Designerstätten gehörte.

 

Text: Uwe Heinloth

Ansicht Ulm, Metzgerturm, Rathaus, Münster

Ansicht Ulm mit Münster, Metzgerturm und Stadtmauer um Winterfrost

Ansicht Ulm mit Münster, Metzgerturm und Stadtmauer um Winterfrost

Im spätwinterlichen Gewand präsentiert das Kalenderbild Februar die Donauansicht der Stadt mit Münstertürmen und Rathausgiebeln, die den Metzgerturm hinter der Donaustadtmauereinrahmen; symbolisiert ist so die einstige Reichsstadt mit ihrer Pfarrkirche, mit ihrer politischen Mitte und mit ihrer Befestigung: „Stadtluft macht frei“!

1480 bauten die Ulmer hier ihre neue Stadtmauer, damals noch mitten im „reißenden Wasser“ der Handelsstraße Donau; die neue Mauer verkürzte die Verteidigungslinie und ließ die alte Vorgängerbefestigung in die zweite Reihe zurücktreten, womit an dieser Häuser errichtet werden konnten.

Der Wehrturm aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, älter als Münster und Rathaus, geriet so ebenfalls ins Hintertreffen, blieb aber wegen seines spitzbogigen Tores mit den heute noch gut erhaltenen Fallgitterführungssteinen bestehen. Bot er doch Zugang zu dem ihm einst zu Füßen liegenden alten Ulmer Schlachthaus, von dem nur noch ein kleiner Rest im Zwinger vor dem amrechten Bildrand sichtbaren Gebäude des ehemaligen Stadtbades, heute Musikschule der Stadt, erhalten blieb. Weil der Turm aber nie ein Stadttor bildete, konnte er mit seinen Schießscharten zur Verteidigung weiter genutzt werden; nur floss seit dem Bau der neuen Stadtmauer nicht mehr die Donau direkt an ihm vorbei, sondern die vor ihm neu angelegte „Metzgerblau“, die nun das Geschäft der Schlachtabfallbeseitigung zu übernehmen hatte. Bei einer Grundfläche von etwa sieben auf sieben Meter wirkt der 36 Meter Höhe erreichende Metzgerturm grazil; seine gleichzeitige Mauerdicke von 1,7 Meter ermöglicht allerdings heutzutage keine sinnvolle Nutzung solch beengter Innenräume. Diese Leere gleicht der Turm aber mit zwei Besonderheiten aus.

Auf dem Bild gut sichtbar ist sein Schmuckdach, bestehend aus insgesamt 5750 Dachziegeln, von denen 1480 bunt glasiert erhalten blieben; bei der letzten Dachsanierung 1999/2000 wurden davon wiederum 500 für 200.000 Mark kopiert und ergänzend aufs Dach gelegt. Seither leuchtet der Turm wieder in alter Frische, zeigt stolz sogar die ergänzten Dachgratziegel mit ihren„Kriechblumen“ (oder Krabben). Damit sieht der Metzgerturm fast so aus, wie ihn die Schedelsche Weltchronik im Jahr 1493 zeigt.

Bis auf seine inzwischen eingetretene „Neigung“ von 2,05 Metern Überhang nach links hinten, sie ist auf dem Bild allerdings kaum zu erkennen. Sie soll entstanden sein, weil der Turm zur Donau hin auf jener erwähnten Vorgängermauer aufsitzt, die stadtseitigen Turmfundamente aber, im allzu weichen einstigen Donauufergrund früher durch Hölzer gestützt, geringere Tragfähigkeit vorfanden. In Ulm glaubt dies kein Mensch; man vertraut eher der Sage von den feisten Metzgern, die enorm schlechte Würste produziert, aber teuer verkauft haben sollen. Im Turm eingesperrt,fielen sie vor Schreck über das ihnen dort verkündete Urteil in eine Ecke um. Durch diese Gewichtsverlagerung soll das schlanke Bauwerk zu Ulms heutigem „Schiefen Turm“ geworden sein,weswegen er regelmäßig auf Standfestigkeit überprüft wird. Und diese zum Glück für die Spaziergänger auch nachweisen kann…

Text: Uwe Heinloth

Winterliche Ansicht des Münsters

Ulmer Münster, Ansicht vom Kienlesberg aus

Winterliche Ansicht des Ulmer Münsters

 

Das Dezemberbild des Kalenders 2012 bietet eine winterliche Ansicht des Münsters vom westlichen Kienlesbergausläufer aus.

Im Bildvordergrund ist die dunkle, zur Kienlesbergstraße hinunter abgetreppte Escarpenmauer zu sehen, die den vor dem Abtragen 1968 hinter ihr verlaufenden Wall bei der Contregarde der Kienlesbergbastion (links außerhalb des Bildes) schützte. Dieser Festungsteil wurde 1843 bis 1856 vom königlich-württembergischen Oberleutnant von Hügel angelegt; sinnigerweise nannte man die komplizierten einstigen Wallabstufungen die „Sieben Hügele“. Von hier aus konnte der Eisenbahndurchlass der über Blaubeuren nach Tuttlingen führenden „Donautalbahn“ sowie das Festungsgelände bis zum Blaubeurer Tor hinunter überwacht werden.

Dieser Abstufung entspricht die auf- und absteigende Diagonale der Dachterrassenlandschaft des Neu-Ulmer Donaucenters, rechts des Münsters sichtbar, Anfang der 1970er Jahre errichtet als Versuch einer Neugestaltung der Innenstadt mit einem Wohn- und Geschäftshochhaus. Vor das Münster und das Donaucenter schiebt sich die Horizontale des weißen Bühnenturms am theater ulm. Sie scheint das schneebedeckte Münstermittelschiffdach auch farblich weiterzuführen. Demgegenüber sehen die beiden Chortürme des Münsters aus, als wären sie die vertikale Fortsetzung der beiden verschneiten Nadelbaumspitzen hinter der Escarpenmauer als ihren Vorbildern. Die beherrschende Vertikale des Bildes ist aber der Münsterturm, durch dessen filigranen Turmhelm der Winterhimmel leuchtet, späte, nachempfindende Vollendung einer spätmittelalterlichen Bauidee vor dem Hintergrund nationalstaatlicher Großmachtpolitik.

So wird der Kalender beschlossen vom Bild einer stark gegliederten Architekturlandschaft, die in Jahrhunderten entstand, und zeigt dabei nachdenkenswerte Analogien und Konstanten.

Text: Uwe Heinloth

Der Ulmer Weihnachtsmarkt – mit dem Ulmer Münster

Der Ulmer Weihnachstmarkt mit dem Ulmer Münster als Kulisse

Ulmer Weihnachtsmarkt, Eingang beim Stadthaus, mit Münsteransicht

Wieder wird das Jahr beschlossen durch ein Bild des Ulmer Weihnachtsmarktes, der sich zu Füßen des höchsten Kirchturmes der Welt als lichterfrohe Budenstadt ausbreitet. 2013 ist es schon 631 Jahre her, als ein Nikolausmarkt entstand, in dessen Tradition sich das vorweihnachtliche Treiben versteht. Zum Besuch lädt eine feierliche Lichterpyramide ein, die – fast gotisch anmutend – zum Münsterturm zu gehören scheint.

„Mit flimmernden Lichtreklamen und dem Weihnachtsmarkt und seinen Buden bietet die Stadt ein festliches Bild“, lobt die Ulmer Bilderchronik schon am 22. Dezember 1935, obwohl der Markt in dieser Zeit eher als ein urgermanisches Sonnwendfest zu verstehen war. Nach dem Zweiten Weltkrieg lockte bereits 1948 wieder eine Wintermesse mit 180 Ständen, etwas Glanz in die Ruinenlandschaft um den Münsterplatz herum bringend. Allerdings fiel der Bilderchronik dann doch auf, dass „in einer Schießbude […] bereits wieder mit Schrotkügelchen geschossen werden“ durfte auf der damaligen jahrmarktsähnlichen Wintermesse. Zum 24. Dezember 1951 wird eine Neuerung festgestellt; es feierten „erstmals […] viele Ulmer Familien und amerikanische Soldaten die Christmette im Münster“ gemeinsam. Aus ehemaligen Besatzern wurden offenbar langsam Freunde…
Natürlich waren hierbei auch die guten Gaben der US-Soldaten nicht zu verachten, weswegen in viele Ulmer Weihnachtsstuben damals so genannte „Christmas-Amis“ völkerverbindend eingeladen wurden.

Trotzdem bestimmte in der Nachkriegszeit auch während der Wintermesse allgemeine Not das Alltagsleben. Die Ulmer Bilderchronik zählt eine traurige Statistik auf: 34,5 Prozent der 13jährigen Schulkinder waren 1947 noch ausgebombt, 7 Prozent besaßen immer noch keine eigenen Schuhe, bei 20 Prozent war der Vater gefallen, noch als vermisst gemeldet oder in Gefangenschaft. Dafür hatte die Wintermesse starke Konkurrenz mit einem ganz anderen Marktgeschehen, dem überall herrschenden Schwarzmarkt, der keine festliche Beleuchtung erforderte. Ironie der Ulmer Polizeigeschichte, dass ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit, am 10. Dezember 1946, die größte Ulmer „Schwarzhändlerbande“ dingfest gemacht werden konnte, wobei „zehn Pfund Fett, zwanzig Pfund Kaffee, einige hundert Zigaretten, rund hundert Päckchen Tabak, sowie eine Menge Mehl und Konserven amerikanischer Herkunft“ laut Bilderchronik sichergestellt werden konnten.

Möge dem diesjährigen Weihnachtsmarkt erspart bleiben, was die erste Ulmer Wintermesse in bundesrepublikanischer Zeit am 17. Dezember 1949 traf: Sturm mit Windstärke 10, der ganze Verkaufsbuden umfallen ließ. Die von der Polizei damals ausgegebene Warnung vor einstürzenden Ruinen am Münsterplatz ist, wie das friedliche Dezemberbild zeigt, gottlob nicht mehr nötig…

Text: Uwe Heinloth

Fischerviertel, Gasthaus Wilder Mann

Fischerviertel, Gasthaus Wilder Mann

Gasthaus zum Wilden Mann im Ulmer Fischerviertel

Mit leuchtender Giebelfassade im Kontrast von roten Schmuckelementen der Fenstergiebelchen und Eckpilaster in Bosseneinteilung mit dem hellen Wandputz erhebt sich ein altes Ulmer Gasthaus am Beginn der Fischergasse, Ecke Schwilmengasse – der „Wilde Mann“.

Schon 1615 wird dieser als Zapfwirtschaft erwähnt, die sich zur 1636 genannten offenen Herberge entwickelte. Der damalige Wirt Baumbach hatte nun Ställe für fünf Pferde samt ordnungsgemäßen Betten einzurichten. 1716 war der „Wilde Mann“ Weinwirtschaft und hatte das Recht, eine Branntweinbrennerei zu betreiben. In diesem wahrhaft geistig anregenden Milieu befand sich 1786 die Ulmer Herberge für Schneidermeister. Allerdings kann die heute so genannte „Schneiderstube“, an Albrecht Ludwig Berblinger erinnernd, kaum die von flugträumerischen Gedanken
des Schneiders von Ulm erfüllte Wirtsstube gewesen sein. Denn das alte Gebäude aus dem 17. Jahrhundert wurde 1878 so umgebaut, dass aus den drei einstigen niederen Stockwerken zwei neue höhere entstanden; dazu kam dann noch die heutige gründerzeitliche Putzfassade ans alte Haus. Sicher aber stellten einst dort die reitenden (Post-)Boten von Krumbach, Laupheim, Schwendi und Öpfingen ihre Pferde ein.

Während die an der Hausecke angebrachte Figur eines Wilden Mannes nicht mehr die im Zweiten Weltkrieg verloren gegangene Originalfigur ist, gab es im November 1918 nebenan, im vom Baum verdeckten Haus „Hohentwiel“, echte wilde Männer. In der damaligen Nachbargaststätte wurde während dieser Revolution der Ulmer „Arbeiter- und Soldatenrat“ gegründet, worüber sich der Chronist der konservativen Ulmer Bilderchronik erhitzte: „Es ist ein entsetzliches Bild, das die durch die Straßen lümmelnden Angehörigen der früheren stolzen deutschen Wehrmacht bieten.“

Erhabener fände besagter Chronist sicher die vor dem „Wilden Mann“ am Eingang zum Fischerviertel aufgestellten drei Stelen des oberschwäbischen Bildhauers Axel F. Otterbach, in der linken unteren Bildecke erkennbar. Sie ergeben städtebaulich ein „Tor“ ins Viertel der Ulmer „Räsen“, an diese Urbewohner des Fischer- und Gerberviertels erinnernd; zeigen doch die drei hochrechteckigen Stelen aus kostbarem Carrara-Marmor, ein von Otterbach bevorzugtes Material, in lichtdurchströmten Negativformen, den Stein transparent werden lassend, einen Fisch, ein Schabeisen zur Fellbearbeitung sowie ein Stechruder oder Floßstock. Mit der Gestaltung von Reminiszenzen an die einst im Fischerviertel Arbeitenden gewann der Künstler 1987 den ausgeschriebenen Wettbewerb für Kunst im öffentlichen Raum an dieser Stelle; seither grüßen der Fischer-, der Gerber- und der Flößerstein zum „Wilden Mann“ hinüber. Und wilde Männer gab es ja auch unter den Räsen…

Text: Uwe Heinloth

Friedrichsau, Fontäne auf dem Oberen Ausee

Friedrichsau, Fontäne auf dem Oberen Ausee

 

Die Wasserfontäne am große Ausse in der Friedrichsau

Die Wasserfontäne am große Ausse in der Friedrichsau

Erfrischendes Nass zum Sommer präsentiert das Juli-Kalenderbild, die Wasserfontänen im Oberen Ausee der Ulmer Friedrichsau.

Als 1811 durch großherzige Spende König Friedrichs I. von Württemberg, immerhin majestätische 2.000 Gulden, der von der Ulmer Obrigkeit eben in Angriff genommene Ausbau des „Gänshölzle“ genannten Auwaldes zum neuen Naherholungsgebiet für das an Bayern verlorene „Steinhäule“ beschleunigt fortgeführt werden konnte, gab es den abgebildeten See noch nicht. An seiner Stelle befand sich nebst Dickicht ein neu angelegter Schießplatz, der den nun zu Ehren des königlichen Gönners „Friedrichsau“ genannten Park attraktiver machen sollte. Das heutige Seegelände lag damals auch noch etwas seitab vom Zentrum der Auvergnügungen rund um die Dianawiese, wo die Ulmer Gesellschaftsgärten sich ansiedelten.

Das änderte sich laut Ulmer Bilderchronik 1899, als wieder einmal eine Parkerneuerung ins Auge gefasst wurde. Den damaligen Grünplanern lieferte ein „Gärtner-Bauinspektor“ aus Straßburg mit Namen Kurtz entsprechende Pläne, die einen Kanal durch die Friedrichsau samt See vorsahen; der Aushub des Sees versprach reichlichen Kiesgewinn. Obwohl das Projekt als zu teuer betrachtet wurde, begannen schon 1902 Stauversuche für den künftigen See; hierzu verwendete man das ohnehin nördlich der Au an der Pflugfabrik Eberhardt vorbeirauschende Wasser eines Blauarmes.
Offensichtlich waren die Stauversuche erfolgreich, denn schon 1904 ist zu lesen, dass der neu angelegte See anlässlich eines autypischen Sommerfestes illuminiert werden konnte. Den Ulmern gefiel das nasse Element, welches schon vor 1907 im Sommer zum beliebten Gondelfahren diente, im Winter den Schlittschuhläufern Übungsgelände bot.

Zur nochmaligen Steigerung der Attraktivität von Friedrichsau und Ausee baute man einen Springbrunnen in die Seemitte, eröffnet am 18. Juni 1910. Zum Erstaunen der damaligen Parkgäste stieg die zentrale Wassersäule, ähnlich der heutigen, über 22 Meter in den Auhimmel, umspritzt von weiteren zehn Nebenfontänen. Insgesamt beförderte der Springbrunnen so pro Sekunde 50 Liter Wasser in die Luft, ein Drittel des täglichen Pro-Kopf-Wasserverbrauches der reinlichen Ulmer Bevölkerung 1909! Zur gemütlichen Betrachtung der Fontänen war aus dem an der ehemaligen Schießstätte gelegenen Schützenhaus inzwischen eine „Wirtschaft“ geworden, die im Juni 1929 zur respektablen Sommerhalle umgebaut wurde. Das mit Terrasse am See gelegene Parkrestaurant war zumindest 1957 vom „Seepark-Kabarett“ bespielt. Was bestimmt lustiger war als die zuvor von den Nationalsozialisten am 12. August 1940 für verwundete, aber gehfähige Soldaten veranstaltete Feier im Restaurant, das inzwischen 2.000 die Fontänen bewundernde Besucher aufnehmen konnte, aber dann 1968 abgebrochen wurde; im Gegensatz zum Springbrunnennachfolger, der erneuert ja immer noch aktiv ist, wie das Monatsbild belegt.

Text: Uwe Heinloth

Bundesfestung Ulm, südwestliche Anschlusslinie zur Wilhelmsburg

Bundesfestung, südwestliche Anschlusslinie zur Wilhelmsburg

 
Aussenansicht der Wilhelmsburg, Werk XII des Gesamtkomplexes der Bundesfestung Ulm

Aussenansicht der Wilhelmsburg, Werk XII des Gesamtkomplexes der Bundesfestung Ulm

Vom neuzeitlichen Fussgängerbrückle über den Festungsgraben geht der Blick hoch zum Michelsberg, der von der einstigen Zitadelle „Wilhelmsburg“, dem Reduit der gesamten Bundesfestungsanlage, gekrönt wird. Auf die südwestliche Ecke der als verteidigungsfähige „Defensivkaserne“ ausgebauten Wilhelmsburg, im Bildzentrum hell aufleuchtend, führt das am Berghang nur als trockener Graben anlegbare Sturmhindernis für Feinde. Diese hätten vom linken Bildrand her aus dem Ruhetal angegriffen; da ihnen kein Wassergraben wie zum Beispiel im flachen Neu-Ulmer Glacis entgegengesetzt werden konnte, musste die Außenwand des Grabens, die „Contrescarpe“, aufgemauert werden als zusätzliche Sicherung vor Eindringlingen. Mit insgesamt 350 Metern Länge überwindet die abgebildete Südwestflankenbefestigung des Michelsberges siebzig Höhenmeter, eine technische Meisterleistung der damaligen Festungsbaukunst.

Eigentlicher Wehrbau ist die auf der rechten Bildhälfte sichtbare Kalksteinmauer, die innere Grabenwand als „Escarpenmauer“ bildend. Auf dem unteren Mauerteil, hinter dem der natürliche Erdboden liegt, sitzt der obere Mauerteil mit horizontalen Schießscharten auf. Es handelt sich also um eine „crenelierte“ Mauer mit „Maulscharten“, die deutlich sichtbar sind; dahinter verläuft ein heute wieder begehbarer Wehrgang für die einstigen Verteidiger, der „Rondengang“. Darüber ragen die Bäume auf dem Erdwall der Festung auf. Den Laubbäumen der „Freundseite“
entsprechen auf der „Feindseite“ die durch Nadelwuchs ganzjährig Tarnung bietenden dunklen Schwarzkiefern, die eigens im aufgeschütteten Vorgelände des Grabens, dem „Glacis“, von der damaligen „Geniedirektion“ der Bundesfestung angepflanzt wurden (linker Bildrand).

Am rechten Bildrand ist in der Escarpenmauer ein Absatz erkennbar. Hier wird die Mauer etwas höher und knickt leicht nach rechts ab, bildet also mitten in der Bergfront einen ausspringenden Winkel. Hinter dieser Spitze verbirgt sich, bis heute erhalten, die „Bonnetkasematte“, welche den Rondengang mit Gewehrfeuer seitlich bestreichen konnte und damit ein weiteres Vorgehen bereits hinter die Mauer eingedrungener Feinde verhindern sollte. Nicht auf dem Bild sichtbar ist die hinter der Bonnetkasematte unter dem Wall liegende „Wurfbatterie“ mit ihren großen
Mörseröffnungen für Steilbeschuss des Glacis.

Dieser Festungsteil am Brückle kann heute gefahrlos beim Spaziergang von der Straße „Beim Alten Fritz“ in Höhe Einmündung Kernerstraße ins Ruhetal hinüber besichtigt werden. Dies ist dem Einsatz des Förderkreises Bundesfestung Ulm zu verdanken, der in den 1990er Jahren mit Erhaltungsmaßnahmen und der Rodung des Grabens hier ein vollständig erhaltenes Stück Bundesfestung wieder ins Bewusstsein brachte. Es lohnt sich, die abgebildete Anschlusslinie, erbaut in den Jahren 1843 bis 1852 duch den Königlich Württembergischen Oberleutnant von Hügel, im Original zu bestaunen!

Text: Uwe Heinloth

 

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