Ulmer Münster, Ansicht vom Kienlesberg aus

Winterliche Ansicht des Ulmer Münsters

 

Das Dezemberbild des Kalenders 2012 bietet eine winterliche Ansicht des Münsters vom westlichen Kienlesbergausläufer aus.

Im Bildvordergrund ist die dunkle, zur Kienlesbergstraße hinunter abgetreppte Escarpenmauer zu sehen, die den vor dem Abtragen 1968 hinter ihr verlaufenden Wall bei der Contregarde der Kienlesbergbastion (links außerhalb des Bildes) schützte. Dieser Festungsteil wurde 1843 bis 1856 vom königlich-württembergischen Oberleutnant von Hügel angelegt; sinnigerweise nannte man die komplizierten einstigen Wallabstufungen die „Sieben Hügele“. Von hier aus konnte der Eisenbahndurchlass der über Blaubeuren nach Tuttlingen führenden „Donautalbahn“ sowie das Festungsgelände bis zum Blaubeurer Tor hinunter überwacht werden.

Dieser Abstufung entspricht die auf- und absteigende Diagonale der Dachterrassenlandschaft des Neu-Ulmer Donaucenters, rechts des Münsters sichtbar, Anfang der 1970er Jahre errichtet als Versuch einer Neugestaltung der Innenstadt mit einem Wohn- und Geschäftshochhaus. Vor das Münster und das Donaucenter schiebt sich die Horizontale des weißen Bühnenturms am theater ulm. Sie scheint das schneebedeckte Münstermittelschiffdach auch farblich weiterzuführen. Demgegenüber sehen die beiden Chortürme des Münsters aus, als wären sie die vertikale Fortsetzung der beiden verschneiten Nadelbaumspitzen hinter der Escarpenmauer als ihren Vorbildern. Die beherrschende Vertikale des Bildes ist aber der Münsterturm, durch dessen filigranen Turmhelm der Winterhimmel leuchtet, späte, nachempfindende Vollendung einer spätmittelalterlichen Bauidee vor dem Hintergrund nationalstaatlicher Großmachtpolitik.

So wird der Kalender beschlossen vom Bild einer stark gegliederten Architekturlandschaft, die in Jahrhunderten entstand, und zeigt dabei nachdenkenswerte Analogien und Konstanten.

Text: Uwe Heinloth

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