Wasserturm im Glacis

Mit 36 Metern Eigenhöhe das Wahrzeichen Neu-Ulms, der Wasserturm im Kollmannspark beim Glacis.

Wasserturm im Neu-Ulmer Glacis-Park im Herbst

Schon längere Zeit hatten sich die Stadtväter der aufstrebenden bayerischen Nachbarstadt um eine zentrale, gesicherte Versorgung der Stadtbewohner mit reinem Wasser gekümmert, damit endlich die üblichen, hauseigenen Pumpbrunnen ersetzt werden könnten. Die Suche nach ergiebigen Quellen blieb jedoch erfolglos, es musste auf das Grundwasser zurückgegriffen werden; solches fand sich in geeigneter Qualität noch innerhalb der einstigen Bundesfestungsumwallung in der südwestlichen Ecke der damaligen Stadt.

Als Fundament des hier, neben dem einzurichtenden Pumpwerk, erbauten Wasserturmes konnte das militärisch nicht mehr benötigte Kriegspulvermagazin II, 1850-1853 zur Lagerung von 1.200 Zentnern Pulver angelegt, genutzt werden. Auf diesem heute als Ausstellungsraum zur Bundesfestung dienenden Festungswerk begann im Oktober 1898 Stadtbaumeister Karl Walder den von ihm geplanten Wasserturm zu errichten. Am 1. April 1899 war der Wasserhochbehälter fertiggestellt; von ihm aus floss seit 24. Oktober 1900 durch das physikalische Prinzip der verbundenen Röhren das Wasser in die ca. 470 Neu-Ulmer Häuser, rund 8.700 Bewohner der Stadt erreichend. Der Wasserturm gehörte zu einer Reihe zeitgleicher Infrastrukturmaßnahmen des Neu-Ulmer Urbanisierungsprozesses; seit 1900 beleuchteten beispielsweise auch 15 Bogenlampen und 71 Glühlichter hell die Straßen.

Walder baute in modernster Technik sein Reservoir für 350 Kubikmeter Trinkwasser, nämlich nach dem „Intze“-Prinzip. Dieses hatte der Bauingenieur Otto Intze (1843-1904) entwickelt; hierbei wurde auf einen schlanken, Material- und Baukosten sparenden Turmschaft ein breiterer, auskragender Turmkopf gesetzt. In ihm war der Wasserbehälter aus Stahl eingebaut und mit nach oben gewölbtem Boden bei gleichzeitig abgeschrägtem unteren Rand so geformt, dass seine Last stabil auf den Turmschaftmauern aufsitzen konnte. Nach dieser revolutionären Bauweise wurden weltweit etwa 500 Wasser- und Gastürme errichtet.

Allerdings zeigt sich seit 1953 der ursprünglich nur grau bemalte Turm in freundlicherer, zu seinem neubarocken Outfit samt „wilhelminischer Pickelhaube“ als Bedachung besser passenden rosa Farbton mit weißer Hervorhebung der Bauzier. Übrigens ist der Turm im Neu-Ulmer Stadtwappen nicht unser Wasserturm; der im 1857 verliehenen Wappen stehende silberne Zinnenturm ist ein fiktiver Festungstorturm, Symbol für die Bundesfestung.

 

Nabada

Nabada mit Blick auf Ulm, am Ulmer Volksfest, Schwörmontag

Nabada mit Blick auf Ulm, am Ulmer Volksfest, Schwörmontag

Im Nabada mit Blick auf Ulm, am Ulmer Passend zum jährlichen Schwörmontag, dem vorletzten Montag im Juli, zeigt das Kalenderbild die festfreudige Donau mit dem un(be)schreibbaren „Nabada“ als karnevalistischem Wasserfestzug. Im Vordergrund, am Neu-Ulmer Ufer,  sind „Themenschiffe“ genannte Zillengefüge mit rosenmontagszugähnlichen Aufbauten zu sehen, dahinter füllen „wilde Nabader“ die Wasserfläche. Das Getümmel wird von zahllosen Zuschauern begutachtet.

Jedoch war die Donau beim „Hinabschwimmen“, wie man „Nabada“ übersetzen müsste, nicht immer so überfüllt. Das erste offizielle Programm eines „Schwörmontags-Na-Bada“ führt nur acht Wasserfestzugsnummern auf. Demnach trieben am Schörmontag, 8. August 1927 ab 17 Uhr zuerst Mitglieder des Ruderclubs „Donau“ flussabwärts, gefolgt vom Wassergott Danubius mit Iller, Blau und Nixen. Es trat auch eine „Ulmer Hafen-Marine-Kapelle“ auf, und pantomimisch dargestellt war die „Brautwerbung auf der Donaubrücke“, wobei wohl die beiden Donaunachbarstädte wie einst die beiden Königskinder „zusammen nicht kommen“ konnten, eine humoristische Spitze gegen immer wieder auftauchende Vereinigungsbestrebungen.

Politisch schon direkter war das Nabada 1938. Kurz nach dem Anschluss Österreichs als Ostmark an Hitlers Reich nahmen auf einem Schiff bejubelte „Wiener Waschmadeln“ am Umzug teil. Kaum zu glauben, dass das Ulmer Nabada sogar einen Protest der damaligen abessinischen Gesandtschaft in Berlin hervorgerufen haben soll im Jahre 1935. Dies, weil auf der Donau in Höhe des Schwals eine „Seeschlacht“ entbrannte, bei der laut gleichgeschalteter Lokalpresse die Vertreter der „weißen Rasse“ natürlich über die „Wilden“ siegten. Unter „Wilde“ waren damals Nichtarische wie eben Abessinier, Neger und Indianer zu verstehen, in welche sich Nabader verkleidet hatten. Kurz vor dem dann tatsächlich erfolgten Einmarsch des faschistischen Italiens in Abessinien war dieser ideologische Programmpunkt des Nabada nicht nur aktuell, sondern sogar brisant!

Die als Vorläufer des Nabada zu bezeichnenden Wasserbelustigungen waren dagegen weitaus weniger politisch. Seit mindestens 1678 ist der Brauch des „Bäuerlein-Herunterfahrens“ auf der Donau überliefert, der sich im Laufe des 18. Jahrhunderts mit dem reichsstädtischen Schwörtag verband. Mit Klamauk und Gespritze fuhren hierbei die Hauptfiguren des Fischerstechens wie „Bauer und Bäure“ auf Zillen die Donau hinunter; so machten es auch vor den Sommerferien die Ulmer Lateinschüler des Gymnasiums auf dem Münsterplatz. Als statt des Steinhäules die Friedrichsau zum beliebten Erholungsort avanciert war, entstanden die von den „Au-Gesellschaften“ veranstalteten „Wasserfahrten“ donauabwärts zu den Vereinslokalen. Diese hatten zunächst aber nichts mit dem Schwörmontag zu tun, sondern wurden den ganzen Sommer über ausflugsmäßig gefeiert. Bis dann ab 1861 die „Hundskomödie“, älteste Augesellschaft und Sammelbecken Ulmer Honoratioren, ihre Fahrten mit dem Schwörmontagsbrauchtum verband. Dann organisierten spätestens ab 1911 die Schwimmer der Ulmer Turnvereine „lustige Hinunterschwimmen auf der Donau“; schließlich ging das ganze, als Nabada kreiert, in die planenden Hände des nachkriegszeitlichen städtischen Verkehrsamtes mit infrastruktureller Unterstützung des Hauptamtes der Stadt Ulm über.

Seit 1975 gibt es für den vom Publikum gekürten besten Beitrag sogar einen Wanderpokal, der inzwischen als „Kübele“ designt ist. Doch leider sieht man heutzutage vor lauter Ferieninseln, Autoreifen und Luftmatratzen kaum noch diese uranfänglichen Nabada-Fahrzeuge, in denen sich einst sogar Oberbürgermeister Dr. Lorenser auf die Donau begab – eben jene Kübele, also Waschzuber für schwäbische Sauberkeit auch beim Nabada…

 

Text: Uwe Heinloth

Ulmer Lichterserenade

Lichterserenade in der Ulmer Schwörwoche

Lichterserenade

Die Ulmer Lichterserenade auf der Donau zum Ulmer Volksfest

Stimmungsvoller Auftakt zum gefühlten Höhepunkt des Ulmer Festjahres ist alljährlich die am Samstag vor Schwörmontag (jeweils vorletzter Julimontag) nach Einbruch der Dämmerung beginnende „Lichterserenade“.

Das trotz Feuerwerks insgesamt eher stille, strömungsgemäße Hinunterschaukeln tausender roter und gelber Windlichter („Hindenburglichter“) ist ein fast schon philosophischer („panta rhei“: Alles fließt, d.h. ist stetem Wandel unterworfen und doch immer eine Einheit, was ja auch für die Formen des Schwörmontags galt und gilt) Kontrapunkt zum karnevalistischen Nabada und der feierlichen Schwörrede mit namengebendem Schwur des Oberbürgermeisters. Ein junger Brauch, aber mit vielen Vätern.

An der Wiege zur Lichterserenade standen die Ulmer Kanuten, die einst vor Schwörmontag private, mit lampiongeschmückten Kanus durchgeführte nächtliche „Flottenparaden“ auf der Donau abhielten. Hinzu kamen Mitglieder der Gesellschaft der Donaufreunde, welche andernorts eine Wasserillumination kennenlernten und diese auf die Donau übertrugen. Beides führte schließlich ausbauend zusammen der damalige Verkehrsverein. So können sich seit 1967 alljährlich bei ruhigem Wasser tausende Besucher an den Ufern und auf den mitwirkenden Ulmer Schachteln selbst versonnen dem Lichterspiel hingeben. „Panta rhei“ eben…

Die Fassaden der Gewerbebank, auch wenn sie durch spätere Umbauten einzelne Motive verloren (wie die Figur von Schulze-Delitzsch über dem ehemaligen, jetzt geschlossenen Haupteingang), gehören immer noch zum Besten des Ulmer Jugendstils. Das Erdgeschoss ruht auf hellen, wuchtigen Buckelquadern, an die Stauferzeit erinnernd; am Nebeneingang zum Olgaplatz tummelt sich ein steinerner Salamander samt Fisch als Regenrinnenkopf. Über dem Nebeneingang in der Heimstraße hält eine steinerne Nachtwächterfigur Ausschau nach Unberechtigten, die nachts über
diesen Eingang den Tresorraum der Bank hätten erreichen können. Der abgebildete halbrunde Turm an der Südwesthausecke prunkt mit romanisierenden Würfelkapitellen, darüber erhebt sich ein barocker Wellrandgiebel zur Frauenstraße, auf dem (ähnlich dem Ulmer Kornhaus) Zierkugeln sitzen. Das ganze Haus wird gekrönt von einem kupfernen Dachturm, ebenfalls barock anmutend. Kunststeinelemente gliedern lebhaft die in Rauputz gefassten Fassaden. An diesem Gebäude ist die Symbiose verschiedener Architekturstile und die Kooperation diverser Handwerkstechniken (Steinmetz- und Kupferarbeiten, Schreiner- und Eisenschmiedewerke) ideal verwirklicht.

Text: Uwe Heinloth

Donau, Adlerbastei

Adlerbastion und Donau in Ulm

Adlerbastion und Donau in Ulm

Wie ein roter Keil schiebt sich von rechts eine Befestigungsmauer in die Donau, durch den Turm der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche überragt. Diese Befestigungsanlage wird in Ulm zwar umgangssprachlich nach einem mit Ende der Reichsstadt abgeschlagenen Reichsadlersteinrelief, das in sanierten Resten noch immer die Mauerspitze schmückt, „Adlerbastei“ genannt; jedoch handelt es sich beim abgebildeten Werk in festungstechnisch korrekter Bezeichnung aber um eine mehreckige Bastion (im Gegensatz zur „runden“ Bastei). Gegenüber der Bastionsspitze erkennt man, von Bäumen umrahmt, auf dem flussabwärts gelegenen Ende des „Schwals“, der Neu-Ulmer Donauinsel, das helle Gefallenenehrenmal von Edwin Scharff aus dem Jahre 1932. Von dieser Inselspitze legten über Jahrhunderte die „Ulmer Schachteln“ ab, Güter, Reisende und Auswanderer (Donauschwaben) flussabwärts transportierend. Jedoch bietet die abgebildete Stelle an der Donau noch mehr „Denkmal-Würdiges“.

Scheiterte doch an der Adlerbastion eine flugtechnische Pioniertat, als Albrecht Ludwig Berblinger, der einst verlachte, inzwischen längst als Gleitflieger rehabilitierte „Schneider von Ulm“, am 31. Mai 1811 von der Bastionsspitze aus in die Donau stürzte. Zwar hatte er sein von ihm entwickeltes Fluggerät erfolgreich am Abhang wohl des Michelsberges getestet; über der Donau traf er jedoch eine ganz andere, von ihm nicht berechenbare Thermik an. Statt warmer Aufwinde, die ihn an das bayerische Donauufer hinüber tragen sollten, herrschten hier kalte Fallwinde und mauerbedingte Turbulenzen, die ihn mit seinem halbstarren Hängegleiter in die Donau hinunter drückten. Es folgte nach dem fliegerischen noch der soziale Absturz.

Doch schon zweihundert Jahre zuvor ereignete sich hier ein Absturz, genauer ein Einsturz. Der reichsstädtische Rat hatte beschlossen, Ulm nach der verbesserten italienischen Bastionärbefestigungsweise neu zu bewehren; diese den Geschützen angepasste Festungsmanier sah fünfeckig konzipierte Werke mit über die Längsmauern hinausragenden Seiten und Spitzen vor – die Bastionen. Es waren gewaltige Erdaufschüttungen, mit schräg anlaufendem Mauerwerk zur Feindseite hin gesichert.

Die Wahl des neuen Festungsbaumeisters fiel dann 1604 auf den Ulmer Baumeister Gideon Bacher (1565-1619), der aus den Diensten des Markgrafen Georg Friedrich von Brandenburg-Ansbach zurück nach Ulm berufen wurde. Nach einer „Weiterbildungsreise“ durch moderne europäische Festungsanlagen begann Bacher 1605 mit dem Bau seiner ersten Ulmer Bastion, der Adler-oder Spitalbastion, an der damals schwächsten Stelle der Stadtbefestigung, beim Heiliggeistspital direkt an der Donau. Schon kurz nach deren Vollendung 1608 stürzte diese jedoch, ganz ohne Feindeinwirkung, zusammen. Bei folgenden Reparaturen ergaben sich zusätzlich Differenzen mit dem Bauherrn; vom Stadtrat wurde Bacher schließlich 1615 als Festungsbaumeister endgültig entlassen.

Heute kann man auf der Adlerbastion aber, ungerührt von solchen historischen Ab-und Einstürzen, sicher lustwandeln…

Text: Uwe Heinloth.

Jugendstilfassade am Olgaplatz

Jugendstilfassade am Olgaplatz

Jugendstilfassade am Olgaplatz

Jugendstilfassade am Olgaplatz

Ein schönes, wenigstens in den Fassaden gut erhaltenes Ulmer Jugendstilgebäude zeigt der Monat April. Das Haus steht am Olgaplatz mit Fassaden auch zur Frauen- und Heimstraße; eröffnet wurde der Bau am 3. September 1905 als neue Ulmer Gewerbebank, welche dieses Jahr 150 Jahre alt wird (heute Volksbank Ulm-Biberach).

Das am 5. September 1863 durch siebzig Ulmer Bürger nach den genossenschaftlichen Prinzipien von Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883) gegründete Kreditinstitut, Zeichen des gewerblich-industriellen Aufschwunges der damaligen Stadt durch Betriebe wie Magirus, Eberhardt, Mayser oder den Eisenbahnausbau, erwarb 1903 einen Bauplatz an der „verlängerten Frauenstraße“, direkt neben der dort 1901 eröffneten Reichsbank. Veranlasst zum Neubau wurde die Gewerbebank durch florierende Einlagen mit wachsenden Effekten- und Depositengeschäften. Kurz darauf folgte eine Grundstückserweiterung nach Süden zur Heimstraße, was den Ulmern eine technische Sensation bescherte: es wurde nämlich die darauf stehende Jacksche Villa als gesamtes Gebäude 50 Meter und fassadengedreht auf ihren neuen Standort in der Heimstraße verschoben.

Danach konnte endlich der repräsentative Bankneubau in Auftrag gegeben werden. Die hierfür ausgewählte „Architecten-Societät“ war das Stuttgarter Büro von Carl Weigle (1849-1932) und Ludwig Eisenlohr senior (1851-1931). Beide Architekten hatten hervorragende Referenzen vorzuweisen; später durfte das Büro Weigle (mit Partner Oscar Pfennig, 1880-1963) noch das neue Kaufhaus „Müller & Compagnie“ (heute Wöhrl-Plaza) in der Hirschstraße errichten und am Bau der „Neuen Donaubrücke“ (an der Stelle der jetzigen nachkriegszeitlichen Gänstorbrücke)
mitwirken. Weigle war berühmt geworden durch seinen Bau des heutigen Schiller-Nationalmuseums in Marbach am Neckar (1901-1903), Eisenlohr durch seine Entwürfe für den Berliner Reichstag oder das Leipziger Reichsgericht; sie entwarfen für die Ulmer Gewerbebank ein vornehmes Haus mit modernster Technik (Dampfheizung) in Jugendstilformen, die zeitüblich mit barocken und vor allem romanischen Motiven spielen.

Die Fassaden der Gewerbebank, auch wenn sie durch spätere Umbauten einzelne Motive verloren (wie die Figur von Schulze-Delitzsch über dem ehemaligen, jetzt geschlossenen Haupteingang), gehören immer noch zum Besten des Ulmer Jugendstils. Das Erdgeschoss ruht auf hellen, wuchtigen Buckelquadern, an die Stauferzeit erinnernd; am Nebeneingang zum Olgaplatz tummelt sich ein steinerner Salamander samt Fisch als Regenrinnenkopf. Über dem Nebeneingang in der Heimstraße hält eine steinerne Nachtwächterfigur Ausschau nach Unberechtigten, die nachts über
diesen Eingang den Tresorraum der Bank hätten erreichen können. Der abgebildete halbrunde Turm an der Südwesthausecke prunkt mit romanisierenden Würfelkapitellen, darüber erhebt sich ein barocker Wellrandgiebel zur Frauenstraße, auf dem (ähnlich dem Ulmer Kornhaus) Zierkugeln sitzen. Das ganze Haus wird gekrönt von einem kupfernen Dachturm, ebenfalls barock anmutend. Kunststeinelemente gliedern lebhaft die in Rauputz gefassten Fassaden. An diesem Gebäude ist die Symbiose verschiedener Architekturstile und die Kooperation diverser Handwerkstechniken (Steinmetz- und Kupferarbeiten, Schreiner- und Eisenschmiedewerke) ideal verwirklicht.

Text: Uwe Heinloth

Ulmer Friedrichsau, Hotel Lago am Unteren Ausee

Unterer Ausee in der Ulmer Friedrichsau

Im Wasser des Unteren Ausees spiegelt sich die 24 Meter hohe Fassade des nach dem See benannten Hotels „Lago“ mit ihren sechs Obergeschossen. Rechts dahinter liegen die Messehallen und daneben das schon vor dem Hotel bestehende, heute integrierte Restaurant „Lago“. Die „untere“ Au bis zum „Hohen Steg“ wurde als Erweiterung mit der neuen Donauhalle und dem durch Kiesabbau entstandenen unteren See im Mai 1956 dem Erholungspark Friedrichsau zugeschlagen.

Nicht nur städtebaulich, sondern ganz besonders wegen seines Innendesigns bildet das am 18. Januar 2010 eröffnete Nichtraucher-Vier-Sterne-Hotel mit 120 Betten in 60 Zimmern einen Höhepunkt in der Au und dem Ulmer Messegelände. Verkleidet mit gerillten Wetterschutzplatten in Holzoptik, bietet die Fassade Bezugspunkte zum alten Baumbestand der Friedrichsau, welcher wiederum von innen durch die bodentiefen Fenster in Transparenz bestaunt werden kann. Im Inneren des Kubus werden die unteren fünf Etagen mit je zwölf Zimmern, sowie das oberste sechste Geschoss als Wellnessbereich und Hotelsuiten, von ausgeklügelter ökologischer Gebäudetechnik beherrscht, wie zum Beispiel thermischer Nutzung des in der Au anstehenden Grundwassers samt dessen Rückführung in den natürlichen Kreislauf.
Das Besondere aber ist die vom Bauherren entwickelte „Ulmer Seele“ des Hotels. Sie drückt sich als gestalterisches Prinzip schon von außen durch Etagenschichtung und Flachdach, im Inneren baustrukturell durch analog-rationale Anlage der einzelnen Obergeschosse aus. Deutlich verweist die Hotelarchitektur auf das Erbe der ehemaligen, 1968 geschlossenen Ulmer Designerschule am Oberen Kuhberg – der hfg, Hochschule für Gestaltung.
Die vier unteren Hotelebenen sind in ihrem Design den zu den olympischen Sommerspielen 1972 in München entwickelten „Regenbogenfarben“ Otl Aichers verpflichtet; dessen Sohn wirkte an der Hotelausgestaltung mit. Der Flur einer jeden Etage ist in jeweils einer dieser Farben gehalten, die sich dann auch motivisch in den Hotelzimmern findet. Großflächige Wandtapeten im Aufzugsbereich erzählen bildhaft von der Geschichte der hfg; bis hin zu den Türklinken und den typischen „Ulmer Hockern“ sind in den Hotelräumen Produkte ehemaliger hfg-Designer wie Bill, Gugelot, Zeischegg oder eben Aicher verwendet worden. Das fünfte Obergeschoss geriet, in Grau-Weiß-Kontrast gehalten, schon beinahe zu einem Museum; im Flur ausgestellte Gegenstände der ehemaligen Fachbereiche der hfg, zum Teil von damaligen Dozenten oder Studenten geschenkt, evozieren das anregende Klima der 50er und 60er Jahre in Schule und Stadt, unterstreichen die heute noch fast alltägliche Bedeutung der hfg in designten Gebrauchsgegenständen, ein Aha-Erlebnis für die überraschten Hotelgäste.

Mit ca. sechs Millionen Euro entstand so am Unteren Ausee aus zunächst gar nicht eingeplantem Idealismus des Bauherrn im bezwingenden Design einer Ulmer Innenarchitektin ein erlebbares Monument derjenigen Zeit, als durch die hfg Ulm weltweit zu den führenden Designerstätten gehörte.

 

Text: Uwe Heinloth

Ansicht Ulm, Metzgerturm, Rathaus, Münster

Ansicht Ulm mit Münster, Metzgerturm und Stadtmauer um Winterfrost

Ansicht Ulm mit Münster, Metzgerturm und Stadtmauer um Winterfrost

Im spätwinterlichen Gewand präsentiert das Kalenderbild Februar die Donauansicht der Stadt mit Münstertürmen und Rathausgiebeln, die den Metzgerturm hinter der Donaustadtmauereinrahmen; symbolisiert ist so die einstige Reichsstadt mit ihrer Pfarrkirche, mit ihrer politischen Mitte und mit ihrer Befestigung: „Stadtluft macht frei“!

1480 bauten die Ulmer hier ihre neue Stadtmauer, damals noch mitten im „reißenden Wasser“ der Handelsstraße Donau; die neue Mauer verkürzte die Verteidigungslinie und ließ die alte Vorgängerbefestigung in die zweite Reihe zurücktreten, womit an dieser Häuser errichtet werden konnten.

Der Wehrturm aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, älter als Münster und Rathaus, geriet so ebenfalls ins Hintertreffen, blieb aber wegen seines spitzbogigen Tores mit den heute noch gut erhaltenen Fallgitterführungssteinen bestehen. Bot er doch Zugang zu dem ihm einst zu Füßen liegenden alten Ulmer Schlachthaus, von dem nur noch ein kleiner Rest im Zwinger vor dem amrechten Bildrand sichtbaren Gebäude des ehemaligen Stadtbades, heute Musikschule der Stadt, erhalten blieb. Weil der Turm aber nie ein Stadttor bildete, konnte er mit seinen Schießscharten zur Verteidigung weiter genutzt werden; nur floss seit dem Bau der neuen Stadtmauer nicht mehr die Donau direkt an ihm vorbei, sondern die vor ihm neu angelegte „Metzgerblau“, die nun das Geschäft der Schlachtabfallbeseitigung zu übernehmen hatte. Bei einer Grundfläche von etwa sieben auf sieben Meter wirkt der 36 Meter Höhe erreichende Metzgerturm grazil; seine gleichzeitige Mauerdicke von 1,7 Meter ermöglicht allerdings heutzutage keine sinnvolle Nutzung solch beengter Innenräume. Diese Leere gleicht der Turm aber mit zwei Besonderheiten aus.

Auf dem Bild gut sichtbar ist sein Schmuckdach, bestehend aus insgesamt 5750 Dachziegeln, von denen 1480 bunt glasiert erhalten blieben; bei der letzten Dachsanierung 1999/2000 wurden davon wiederum 500 für 200.000 Mark kopiert und ergänzend aufs Dach gelegt. Seither leuchtet der Turm wieder in alter Frische, zeigt stolz sogar die ergänzten Dachgratziegel mit ihren„Kriechblumen“ (oder Krabben). Damit sieht der Metzgerturm fast so aus, wie ihn die Schedelsche Weltchronik im Jahr 1493 zeigt.

Bis auf seine inzwischen eingetretene „Neigung“ von 2,05 Metern Überhang nach links hinten, sie ist auf dem Bild allerdings kaum zu erkennen. Sie soll entstanden sein, weil der Turm zur Donau hin auf jener erwähnten Vorgängermauer aufsitzt, die stadtseitigen Turmfundamente aber, im allzu weichen einstigen Donauufergrund früher durch Hölzer gestützt, geringere Tragfähigkeit vorfanden. In Ulm glaubt dies kein Mensch; man vertraut eher der Sage von den feisten Metzgern, die enorm schlechte Würste produziert, aber teuer verkauft haben sollen. Im Turm eingesperrt,fielen sie vor Schreck über das ihnen dort verkündete Urteil in eine Ecke um. Durch diese Gewichtsverlagerung soll das schlanke Bauwerk zu Ulms heutigem „Schiefen Turm“ geworden sein,weswegen er regelmäßig auf Standfestigkeit überprüft wird. Und diese zum Glück für die Spaziergänger auch nachweisen kann…

Text: Uwe Heinloth

Der Alte Friedhof im Winter mit dem Grab von Graf Arco

Grab des Grafen Arco

Grab des Grafen Arco auf dem alten Ulmer Friedhof

Ein stimmungsvolles Winterkleid hat sich der jahrhundertelang als Gottesacker belegte Friedhof übergezogen. Seit 1899 durch den „Neuen Friedhof“ an der Stuttgarter Straße ersetzt, wurde er im Rahmen des Grünflächenkonzepts der kriegszerstörten Stadt ab 1949 zum Park umgestaltet. Knapp 200 historische Grabstätten unter fast 400 alten Bäumen hinterließ der damalige Leiter des Garten- und Friedhofamtes, Landschaftsarchitekt Günther Grzimek.

Das abgebildete klassizistische Grabmal dient Philipp Graf von und zu Arco als um 1806 errichtete Ruhestätte, rechts des Hauptdiagonalweges von der Georgskirche zur Schülinstraße gelegen – auf historischem Boden. Wurden doch daneben 1879 wohl die Fundamente der alten Ulmer Pfarrkirche „Unsere liebe Frau ennet felds“ entdeckt, 1376/77 abgebrochene Vorgängerin des Münsters.
„Ja weine nur herab von Deinem Thron / Um ihn, o Max, des Dankes heil’ge Zähren / Lang wird Dir keinen edlern, treuern Sohn / Der mehr Dich liebt, das Vaterland gebären!“, dichtete Johann Martin Miller, Ulms berühmter Autor des Romans „Siegwart, eine Klostergeschichte“, in der Pfauengasse niedergeschrieben und in Leipzig 1776 erschienen. Miller, Mitglied des „Göttinger Hainbundes“ und Ulmer Theologe, fordert den damaligen bayerischen Landesherrn Ulms, Kurfürst Max IV. Josef, beinahe hymnisch auf, seinen Ende November 1805
entschlafenen „Generalkommissär in Schwaben“ würdig zu betrauern. Diese Funktion nämlich bekleidete der junge Graf Arco (1775-1805) in Ulms bayerischer Zeit, von Max 1804 zum Präsidenten der Landesdirektion ernannt.
Aus berühmter Familie stammend, erwarb sich der überaus fleißige junge Mann höchstes Ansehen an seinem Dienstort Ulm. Allerdings überforderte er Arbeitskraft und Gesundheit; nach Napoleons Feldzug im Oktober um Ulm verstarb er schließlich hochbetrauert und erhielt ein triumphales Begräbnis. Auf sein Wirken geht die seit 1499 erste dauerhafte Ansiedlung eines jüdischen Kaufmannes, Heinrich Harburgers, zurück. Arco setzte gegen den Widerstand der christlichen Ulmer Kaufleute die Konkurrenz seines „Schutzjuden“ durch. Anhänger der Philosophie Rousseaus, wurde so auch Arcos Grabmal Zeugnis der Aufklärung; es soll nämlich die erste Nachbildung des Sarkophages von Rousseau im Park des Schlosses Ermenonville (Oise) auf der berühmten dortigen „Pappelinsel“ sein. Damit könnte Ulm also einen weiteren (Welt-)Rekord aufweisen. Zurück zur Natur!

Text: Uwe Heinloth

Bundesfestung Ulm, Kienlesbergbastion, Werk X im Winter

Kienlesbergbastion, Werk X im Winter

Kienlesbergbastion, Werk X im Winter

Ein stimmungsvolles Winterbild zeigt der Monat Januar, den Gruß an alle Vorbeifahrenden, die die Stadt erreichen oder verlassen. Erbaut 1843 bis 1852 durch den königlich-württembergischen Oberleutnant von Hügel, präsentiert die schneebedeckte Kienlesbergbastion ihre signifikante Doppelcaponniere. Hierunter ist festungsbautechnisch zu verstehen ein zur Frontal- und Seitenbeschießung des Festungsgrabens, also zur „Bestreichung“ mit Feuer, angelegtes Verteidigungswerk. Dieses tritt zur Abwehr der über den Graben potentiell einfallenden Feinde aus der Mauerlinie dieser Festung heraus in das davorliegende, hier trockene Sturmhindernis als „Grabenstreiche“.

An der abgebildeten Südwestecke der Kienlesbergbastion, die heute noch vollständig erhalten zwischen der Bundesstraße 10 im Lehrer Tal und der Straße „Beim Alten Fritz“ liegt, war eine doppelte Grabenstreiche notwendig. Musste doch von hier aus sowohl der zur Wilhelmsburg (nach links im Bild) hinaufführende, als auch der (rechts im Bild) nach hinten zum Kienlesberg ziehende, heute als Abfahrt von der Wallstraßenbrücke zum Michels- oder Eselsberg dienende Graben unter Feuer genommen werden können.

Hier, auf der rechten Seite der Doppelcaponniere, war bis zum straßenbaubedingten Abbruch einst noch ein schützendes Vorwerk, die „Contregarde“, vorgelagert. Von ihr sind noch Reste des „Ruhetaltores“ auf dem Bild rechts der Grabenstreiche erkennbar.

Das mehrgeschossige „Werk X“ der Bundesfestung Ulm, die abgebildete Doppelcaponniere der Kienlesbergbastion, besitzt nicht nur im Inneren großartige, gegen Beschuss gewölbte Festungsräume (Kasematten), sondern zeigt auch von außen mit ihren schön geschichteten Kalkquaderfronten, in denen von flachen Ziegelsteinbögen überspannte Schießscharten sitzen, sowie mit dem unter den Erdbedachungen umlaufenden Konsolfries ein beeindruckendes Bild der Architektur und Festungsingenieurkunst der sogenannten „Neuen deutschen Befestigung“, die klassizistische und romantische Baumotive zeigte. Nicht nur im Winter eine für die einstige Bundesfestungsstadt Ulm typische, historische Reminiszenz an automobile Vorbeireisende…

Text: Uwe Heinloth

Winterliche Ansicht des Münsters

Ulmer Münster, Ansicht vom Kienlesberg aus

Winterliche Ansicht des Ulmer Münsters

 

Das Dezemberbild des Kalenders 2012 bietet eine winterliche Ansicht des Münsters vom westlichen Kienlesbergausläufer aus.

Im Bildvordergrund ist die dunkle, zur Kienlesbergstraße hinunter abgetreppte Escarpenmauer zu sehen, die den vor dem Abtragen 1968 hinter ihr verlaufenden Wall bei der Contregarde der Kienlesbergbastion (links außerhalb des Bildes) schützte. Dieser Festungsteil wurde 1843 bis 1856 vom königlich-württembergischen Oberleutnant von Hügel angelegt; sinnigerweise nannte man die komplizierten einstigen Wallabstufungen die „Sieben Hügele“. Von hier aus konnte der Eisenbahndurchlass der über Blaubeuren nach Tuttlingen führenden „Donautalbahn“ sowie das Festungsgelände bis zum Blaubeurer Tor hinunter überwacht werden.

Dieser Abstufung entspricht die auf- und absteigende Diagonale der Dachterrassenlandschaft des Neu-Ulmer Donaucenters, rechts des Münsters sichtbar, Anfang der 1970er Jahre errichtet als Versuch einer Neugestaltung der Innenstadt mit einem Wohn- und Geschäftshochhaus. Vor das Münster und das Donaucenter schiebt sich die Horizontale des weißen Bühnenturms am theater ulm. Sie scheint das schneebedeckte Münstermittelschiffdach auch farblich weiterzuführen. Demgegenüber sehen die beiden Chortürme des Münsters aus, als wären sie die vertikale Fortsetzung der beiden verschneiten Nadelbaumspitzen hinter der Escarpenmauer als ihren Vorbildern. Die beherrschende Vertikale des Bildes ist aber der Münsterturm, durch dessen filigranen Turmhelm der Winterhimmel leuchtet, späte, nachempfindende Vollendung einer spätmittelalterlichen Bauidee vor dem Hintergrund nationalstaatlicher Großmachtpolitik.

So wird der Kalender beschlossen vom Bild einer stark gegliederten Architekturlandschaft, die in Jahrhunderten entstand, und zeigt dabei nachdenkenswerte Analogien und Konstanten.

Text: Uwe Heinloth